Das Beste kommt zum Schluss

07.02.2015 - von Marco Schulchefski

Es sollte die letzte Tour für dieses Jahr an den Po werden. Mehrere Wochen haben wir nun schon in diesem Jahr unseren geliebten Bartelträgern nachgestellt. Jedes Mal wurden wir mit anderen Wetterbedingungen am Po konfrontiert, und gerade das ist es was diesen mystischen Fluss ausmacht.

Dienstag Abend nach der Arbeit beluden wir unser Auto und machten uns mit dem Boot im Schlepptau auf die 1000km lange Anfahrt.  Wir hatten nur 4 Nächte eingeplant, leider war unser Urlaubstagekonto bereits arg geschrumpft, ein Feiertag kam da gerade richtig.

In den frühen Morgenstunden kamen wir leicht gezeichnet von der die ganze Nacht andauernden Fahrt am Ufer des Po an. Ein Blick über den Damm und man wurde wieder vom Fieber gepackt.

Für Mittwoch den 01. November 2012 waren für die Regionen schwere Unwetter angesagt und 150 Liter Regen innerhalb von 12 Stunden. Das Anglerherz schlug mit dieser Nachricht schneller; die Bewohner am Po sahen das wohl etwas anders.

Es kam wie es kommen musste, kaum hatten wir den ersten Platz bezogen, begann es wie aus Eimern zu schütten und ein der kräftiger Sturm zog auf. Bereits in den ersten Sturmstunden wurde unser Zelt entwurzelt da sich der Erdboden bereits bis in die tieferen Schichten von einer festen Böschung in einen weichen Brei verwandelt hatte. Banksticks und stärke Äste wurden als Zeltheringe zweckentfremdet um überhaupt noch irgendeinen Halt in den tieferen Bodenschichten zu bekommen. Die Boote liefen innerhalb weniger Stunden mit Wasser randvoll und zu allem Überfluss wurde das Schlauchboot durch Treibgut aufgespießt. Erschwerend kam hinzu, dass sich das Feedern im Sturm sehr schlecht gestaltete und wir demzufolge keine Köderfische fingen. An Angeln war jedenfalls vorerst nicht zu denken, da wir zu der Köderfischproblematik uns für die erste Nacht auch noch einen flachen Zulauf zu einem Überschwemmungsgebiet gesucht hatten und der starke Wind das Wasser hier nur so aufwirbelte. Aus Erfahrung wussten wir, das sich dieser Umstand mit einer vernünftigen Welsfischerei schwer vereinen lässt, da es den Burschen hier einfach zu unruhig ist. Also machten wir mit schlechtem Gewissen das einzig richtige und saßen das Unwetter in unserem Zelt aus um Energie für die kommenden Tage zu tanken. Im Nachhinein betrachtet, war das goldrichtig! Das Unwetter dauerte bis in die frühen Morgenstunden des darauf folgenden Tages und gegen Mittag war der Spuk vorbei.

Da sich der Wasserstand noch nicht veränderte, beschlossen wir diese Nacht noch an diesem Spot zu verweilen und abzuwarten, ob der Wasserstand sich im Laufe der kommenden Nacht verändern würde. Sollte dem so sein, so wollten wir die kommenden zwei Nächte an einem anderen, für diese Umstände perfekten, Platz unser Glück versuchen.

Unsere Taktik für die erste Nacht ging insofern auf, dass wir einen Fehlbiss und zwei halbstarke Waller bis 1,20 m verzeichnen konnten. Über Nacht waren gut noch mal 30cm Wasser gekommen und Fußball große Schaumkronen deuteten nun das an was kommen würde, einen satten Wasseranstieg, und das in kürzester Zeit.

Unser Schlauboot wurde mit Sekundenkleber notdürftig repariert und wir packten eifrig unser Tackle, um die am Vortag anvisierte Stelle anzufahren.

Am neuen Platz angekommen, suchten wir uns den höchsten Punkt für unser kleines Camp und hofften dass das Wasser diesen nicht übersteigt. Für den Fall das es doch dazu kommen würde wollten wir Nachts alles in unser großes Boot packen und die Stelle trotz dem so lange wie möglich halten. Denn eines war klar, hier roch es nach Bigfish. Ein Platz wie aus dem Bilderbuch für derartige Umstände! Mit dem Schlauchboot fuhren wir den Spot ab und befestigten alle Ausleger. Vier der sechs Ruten wurden schließlich am Auslaufbereich des Überschwemmungsgebietes an den Bäumen des Ufers angebunden. Ziel war es die Köder im Bereich der Uferkanten zu platzieren, in der Hoffnung, dass Fische am Auslauf auf Beute zogen. Um alle Varianten auszunutzen, platzierten wir zwei weitere Ruten mit U-Posen an der abfallenden Kante unseres Spots zum Freiwasser hin auf 4 m Tiefe. Diese senkten wir, wegen der Unmengen an Treibgut, direkt vor den Füßen nochmal ab. Unsere Aufgabe der nächsten Stunden war nun, rechtzeitig treibende Bäume zu erkennen und jede aus dem Schussfeld der angebundenen Ruten mit dem Schlauchboot wegzuziehen, die sich auf Kollisionsfahrt befanden. Ein waghalsiges aber sehr effektives Unterfangen.

Das Wasser stieg und stieg und wir fingen innerhalb der ersten zwei Stunden auch zwei gute Fische bis 1,70 m auf die abgespannten Ruten. Das neue Auslegen gestaltete sich aufgrund des zunehmenden Nebels etwas schwieriger aber wenn's Mal läuft und man solche Bedingungen hat, müssen die Ruten einfach raus. Eine am Camp platzierte Kopflampe erleichterte später die Angelegenheit.

Wir legten uns gegen 0 Uhr auf unsere Liegen und philosophierten noch etwas herum, als plötzlich die Bremse der U-Posenrute aufkreischte. Wir schauten uns verdutzt an, "Die Bremse ist doch zu?" Im Strahl der Kopflampe sahen wir eine kreisrunde Rute im Bootsrutenhalter stehen und die Schnur wurde schubweise nur so von der Rolle gerissen. An der Rute angekommen setzten wir den Anschlag der sich jedoch wie ein satter Hänger anfühlte. Doch der Hänger setzte sich auch prompt in Bewegung. Wir verfolgten den Fisch im Schlauchboot und versuchten ihn vom Ufer und von den hängerträchtigen Bereichen, sowie der abfallenden Kante fern zu halten.

Nach ca. 20 Minuten Drill und Fischverfolgung sahen wir das erste Mal einen gewaltigen Schädel die Wasserlinie durchbrechen. Unser erster Gedanke, "Geil, auf jeden Fall ein 2m+ Fisch".  Er ließ sich auch gut ins Schlauchboot ziehen, da er ja mit seinem Gewicht den Schlauchkörper bis zur Wasserlinie drückte. Jedoch fiel uns dabei schon auf, dass die Schwanzflosse immer noch über den Bug des Bootes ins Wasser hing. Nach wiederum einigen Minuten Rückfahrt zum Angelplatz mit ständigen Ausweichmanövern gegenüber vorbeitreibenden Treibgutes, nach dem Motto „Meteoritenhagel“ kam das Camp mit der Lampe langsam durch den Nebel hindurch wieder in Sichtweite. Jan wollte doch noch schnell messen bevor wir ihn anleinen würden.

Ich legte das Band am Kopf an und Jan zog das Band bis zum Schwanzende. Ungläubig sagte er, "Ne, das kann nicht sein, hier steht ne 60 und das
nach einer 2 ?“ Also holte Jan ein anderes Maßband und dies zeigte genau den gleichen Wert an und zwar exakte 259 cm! Er fragte mich: "Ist dir eigentlich klar, was das bedeutet? Das ist einer der Urfische, eine absolute Ausnahmegranate!"

Wir wandelten wie in Trance über den noch trockenen Teil unserer Stelle und das weiter steigende Wasser war uns nun mittlerweile auch egal. Wozu Drogen konsumieren, wenn man so ein geiles Hobby hat. Voller Adrenalin, Endorphin und was der Körper in solch einer Situation noch so produziert, versuchten wir das gerade Geschehene zu verarbeiten. Gegenseitig stotterten wir uns ständig diese Zahl vor. zzzzzzweeeeeeiiii mmmmeter nnnnneuuunundfffffünfzzzig! Unfassbar!

Wiegen kam für uns nicht in Betracht, da das für einen Fisch in der Größe eine Quälerei und mit Sicherheit auch nicht gesundheitsfördernd ist. Auch stand ausnahmslos fest, dass dieser Fisch, so wie all unsere anderen größeren Exemplare, nur im Wasser fotografiert werden sollte.

Gegen Mittag des folgenden Tages, nachdem die Fotosession beendet war und der Riese gut erholt wieder in sein Element entlassen wurde, standen wir wieder vor dem Problem, das unser Köderfischvorat bis auf eine gigantische Brasse erschöpft war. Zu dem wurden für den nächsten Tag an dem wir wieder die Heimreise antreten wollten, erneut starke Regenfälle angesagt. So besonnen wir uns und entschieden uns ruhigen Gewissens mit den Spruch auf den Lippen, „Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören“ und traten am darauf folgenden Tag im strahlenden Sonnenschein die Heimreise an.

Wallerangeln ist Teamarbeit, besonders unter schwierigen Bedingungen wie diesen. Allein wäre der Fang dieses Fisches nicht möglich gewesen, denn wir sind nur als Team stark!

Marco Schulschefski